Voodoo-Politik und der Sanierungsfall Deutschland – Ein Gespräch der FDP Remagen mit Peter Tsao-Adolphs

Oxana Iose und Peter Tsa-Adolphs im Gespräch
Oxana Iose und Peter Tsao-Adolphs im Gespräch

In einem gemütlichen Restaurant in Remagen, mit Blick auf den Rhein, der hier friedlich dahinfließt – ganz im Kontrast zu den Turbulenzen der deutschen Wirtschaft –, unterhalte ich mich mit Peter Tsao-Adolphs, gebürtig in Bonn, seit 20 Jahren in der Ahr-Region verwurzelt, beruflich ein Turnaround-Spezialist, der Unternehmen aus der Krise führt.

 

Peter Tsao-Adolphs ist kein Politiker. Und ist trotzdem als neues Mitglied in die FDP im letzten Sommer eingetreten und hat sich für die Freien Demokraten in Remagen als Direktkandidat aufstellen lassen.

 

Uns interessiert, warum.

Mit einem Hauch von Ironie in der Stimme und einem Kaffee in der Hand, der „schwarz wie das schwarze Loch der Staatsfinanzen“ ist, wie er schmunzelnd bemerkt, spricht er über seine Vorstellungen, wie aus erfolgreichen und bewährten Verfahren bei der Sanierung von Unternehmen auch das Land sich wieder erholen kann.

 

Seine Diagnose ist klar: Denn er sieht Deutschland nicht auf dem Sprung zum nächsten Wirtschaftswunder, noch nicht einmal auf dem Weg der wirtschaftlichen und finanziellen Genesung, sondern als Sanierungsfall - wenn alles so bleibt wie jetzt.

Ein pointiertes Gespräch über Voodoo-Politik, falsche Axiome und warum der Staat Unternehmer und Bürger besser nicht länger gängeln sollte.

 

 

Herr Tsao-Adolphs, Sie waren stets parteilos und haben sich trotzdem nun der FDP angeschlossen. Was hat den Ausschlag gegeben? War es die Flutkatastrophe 2021 in der Ahr-Region, die Sie persönlich betroffen gemacht hat?

 

Ja, die Flut hat mich tief geprägt – nicht nur als Bewohner, sondern auch als Beobachter. Ich habe gesehen, wie Menschen in Stunden alles verloren haben, was sie aufgebaut hatten. Ich habe wie jeder hier im Kreis viel menschliches Leid mitbekommen. Aber ich habe auch erlebt, was solidarische und zupackende Mitmenschen selbst ohne staatliche Unterstützung Beeindruckendes leisten können: Nachbarn helfen Nachbarn, organisieren sich selbst, aus ganz Deutschland kommen ehrenamtliche Helfer die mit anpacken, Firmen starten neu, bauen wieder auf, entschlossen, zupackend, mutig, ohne zu warten.

Das hat mich nicht überrascht. Es steckt soviel Kraft, Energie und Engagement in uns Menschen, die Enormes zu leisten vermag, wenn Not am Mann ist oder es schlichtweg erforderlich ist. Und wenn man sie lässt.

 

 

Sie beschreiben Rheinland-Pfalz und Deutschland als „finanziell-wirtschaftlichen Sanierungsfall“. Das klingt dramatisch. Was meinen Sie genau damit?

 

Die wirtschaftliche Lage in Rheinland-Pfalz ist katastrophal. Mit Schulden von über 30 Milliarden Euro im Land und einer anhaltenden Wirtschaftsschwäche, zunehmender Insolvenzen und Anzeichen von sich breit machender Resignation und Mutlosigkeit haben wir eine ziemlich toxische Gemengelage.

Schlimmer: die aktuelle Krise ist eine strukturelle. Da reicht kein Weiterwursteln oder Gesundbeten mit Sprüchen mehr. Schaut man genau hin, ist die ohnehin schon schlechte Stimmung sogar noch besser als die Lage!

Allein auf Landesebene Rheinland-Pfalz sind wir inzwischen bei Zinsausgaben von über 500 Mio. € jährlich angekommen. Und nirgends ein Aufschrei. Immer geringere finanzielle Handlungsspielräume bei den Kommunen am Rande der Überforderung. Gegenmassnahmen: Fehlanzeige.

Was vergessen wird: es liegt nicht an den vielen engagierten Menschen vor Ort, sondern an der Art und Weise, wie man deren Arbeit erschwert.

 

Und Deutschland insgesamt? Ein Patient mit chronischem Fieber: Hohe Energiepreise, Überregulation, Steuerlasten, die Unternehmen ersticken. Die Zahlen kennen wir alle, die Folgen auch.

In meinem Beruf sehe ich das täglich: Firmen, die unter Bürokratie leiden, die sie nicht atmen lässt. Die höchsten Unternehmenssteuern, die den Spielraum für Investitionen und Mitarbeitergehälter einengen. Und dabei gibt es immer noch unverändert tolle Ideen von kreativen Köpfen. Überall. Arbeitnehmer und Angestellte, die gerne zur Arbeit kommen. Hohe soziale Verankerung der Firmen in der Region. Aber eben auch zunehmende Frustration und Resignation, Gedanken über Auswanderung, Betriebsverlegungen, Geschäftsaufgabe, weil kein Gehör findend für die wenigen vernünftigen Forderungen an die Politik.

 

Die FDP in Remagen hat Sie unter anderem gezielt wegen Ihrer beruflichen Sanierungsexpertise für den Wahlbezirk 13 nominiert. Warum reicht denn eine ausgeprägte, rein wirtschaftspolitische Fachkompetenz Ihrer Meinung nach nicht mehr aus, um die Probleme zu lösen?

 

Weil die jetzige Krise tiefer geht. Eine kluge Wirtschaftspolitik ist relativ schnell umgesetzt, wenn der politische Wille da ist: Reduzieren Sie Steuern, schneiden Sie Regulierungen zurück – und schon entsteht Wohlstand und Wachstum und die finanziellen Spielräume für Investitionen. Aber bereits an dieser Stelle ignoriert die Politik das Wesentliche. Der Staat glaubt, er könne alles steuern und mit kleinteiligen Massnahmen die Wirtschaft beleben, vorgeben, mit welchen Produkten die Unternehmen ihre Märkte zu bedienen haben und wie diese auszusehen haben – und das in zunehmend komplexen und schnelllebigen Veränderungszeiten.

 

Das ist schon ein sehr bizarres und weltfremdes Politikkonzept. Das hat noch nie funktioniert und klappt natürlich auch hier nicht. In Wahrheit können doch nur die Menschen vor Ort, die Unternehmer, Angestellten und Bürger Wertschöpfung erzeugen, Arbeitsplätze schaffen und die Wirtschaft ankurbeln. Geben sie ihnen Freiheit, belassen sie ihnen mehr Geld von dem was sie erwirtschaften, lassen sie sie atmen!

Reine Wirtschaftskompetenz hilft in leichten Krisen. Der Punkt ist aber längst überschritten.

 

Sie kritisieren die aktuellen Maßnahmen zur Wirtschaftsbelebung als „Voodoo-Politik“. Das ist starker Tobak und ein ziemlich harter Begriff. Können Sie das erläutern?

 

(lacht) Ja, Voodoo trifft´s schon recht gut: Man sticht Nadeln in die Wirtschaft durch Übersteuerung und Regulierungen und Entnahmen aus deren Kassen und entzieht die Grundlagen für Investitionen und motivierende Entlohnung und Ausbildung der Mitarbeiter. Dann nimmt man ein paar Nadeln wieder raus und wundert sich dann, warum die Krise sich immer weiter verschärft.

Die Politik wirft mit Milliarden um sich – Konjunkturpakete, Subventionen, sogenannte Entlastungen, das ganze gepaart mit Gesundbeten und Appellen, die Stimmung müsse besser werden, die sei schlechter als die Lage. Dabei ist doch längst klar, dass die Lage sogar noch schlimmer als die Stimmung ist und ohne echten Wandel nur schlimmer werden kann.

 

Sie sagen, der bisherige Ansatz sei vom falschen Axiom ausgegangen. Was meinen Sie damit genau?

 

Das Axiom ist: Der Staat muss helfen, indem er erst die Bürger und Unternehmen belastet und dann zurückgibt. Natürlich nur einen Teil davon. Absurd! Erst die Unternehmen schwächen und den Bürgern über Steuern und Abgaben immer geringere eigene finanzielle Gestaltungsmöglichkeiten belassen.

Und dann kommt die „Hilfe“: Etwas Geld zurück; und dann begleitet mit Vorschriften und „Anreizen“, für was das Geld dann bitte einzusetzen und zu konsumieren ist - als ob so ein „Konzept“ auch nur die geringste Aussicht auf Verbesserung hätte.

Das ist schon bizarr – wie wenn man jemandem die Luft abdreht und dann ein bisschen aus dem Sauerstofftank zum Überleben anbietet. Der wahre Fehler: Man entnimmt zu viel, um dann mit Fanfare und Tusch etwas zurückzugeben. Was ist das Anderes als Voodoo-Wirtschaftspolitik?

 

Hinter all dem steckt ein falsches Menschenbild, sagen Sie. Wie sollte die Politik stattdessen denn Ihrer Meinung nach umdenken?

 

Das Menschenbild der etablierten Politik ist in der Praxis paternalistisch: Der Staat weiß es besser, muss gängeln, subventionieren, lenken und dann fürsorglich verteilen. Aber nein: Der Staat kann nicht Wohlstand schaffen – das können nur die Bürger, Unternehmer und Angestellten. Geben sie ihnen Freiräume, belassen sie mehr finanzielle Mittel bei ihnen, und sie schaffen Wohlstand. Keine steile These, sondern so klappt es immer. Das Gegenteil übrigens nie.

 

Kommen wir zu Ihrem Programm: Sie fordern unter anderem eine Sonderwirtschaftszone in ihrem Wahlkreis, Steuererleichterungen und Deregulierungen. Ist das nicht nur alter Wein in neuen Schläuchen?

 

(ironisch) Alter Wein? Im Ahrtal wissen wir, dass guter Wein reifen muss – aber unsere Politik ist eher Essig. Nein, jetzt ernsthaft: zunächst finde ich es als Quereinsteiger schon mal merkwürdig, dass jetzt alle im Hinblick auf die kommenden Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz überall Programme formulieren, was dann nach der Wahl passieren soll. Es ist doch ganz einfach: entweder sind politische Massnahmen richtig oder falsch - darüber kann man natürlich trefflich und kontrovers diskutieren.

Aber was richtig ist und den Menschen wieder mehr Gestaltungsspielraum gibt und dem Land und seinen Kommunen schnell wieder hilft und endlich raus aus der Überlastung und Bedrückung führt, kann und muss doch sofort umgesetzt werden. Ich finde als Nicht-Politiker immer merkwürdig, wenn Parteien sagen, hier haben wir ein Programm was wir für sinnvoll erachten. Wählt uns und wenn wir dann in die Regierung kommen, setzen wir es um!

Ist doch grotesk. Wenn ich das als frischer Kandidaten-Neuling richtig beobachtet habe, hat das Land Rheinland-Pfalz eine Regierung, die sich doch jetzt nicht allen Ernstes angesichts der dringlichen Probleme sich auf eine Wahl vorbereitet, sondern ja jeden Tag handeln kann.

 

(lacht). Das habe ich verstanden. Trotzdem würde es interessieren, wie das Programm der FDP jedenfalls für Ihre persönliche Kandidatur in ihrem Wahlkreis aussieht. Denn Sie behaupten ja immerhin, dahinter steckt ein eher disruptiver Ansatz, oder mindestens unkonventioneller und mutiger Ansatz, der aber gleichwohl zuverlässig wirkt und alles ins Positive dreht?

 

(ironisch) Mutig? Nur, wenn man das Setzen auf die Stärken des Einzelnen und auf die Eigenverantwortung als mutig empfindet. Disruptiv? Nur wenn man immer noch die kleinteilige Steuerung aller wirtschaftlichen Prozesse durch den vermeintlich allwissenden und übergriffigen Staat beibehalten möchte. Unkonventionell? Nur wenn man die vielfältigen Expertisen und Kompetenzen, die ja bei den Bürgern und Unternehmern liegen und nicht bei den eher Mitleid erregenden Politikern, die ja für jedermann ersichtlich analytische Defizite und Überforderungen erkennen lassen; von Umsetzungstransfer-Fähigkeiten gewonnener Erkenntnisse schon mal ganz zu schweigen.

 

Nehmen Sie als eine Illustration nur einmal das Beispiel der Erbschaftsteuer und den Kontrast hierbei eines tief in der DNA der FDP steckenden Menschenbildes und seine Konsequenzen hieraus für die Bewahrung und Stärkung einer freiheitlich-liberalen Eigenverantwortungspolitik. Und vergleichen Sie das dann einmal mit dem vorherrschenden Ansatz der jetzigen Politik, dann wird es deutlich:

 

Die Perspektive der FDP beleuchtet den Unternehmer, der häufig in der Nachfolge von teilweise mehreren Generationen das Unternehmen bewahrt und weiterentwickelt hat. Sein Einsatz und seine Gedanken auch in Krisenphasen gelten den Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten. Er entlässt nicht vorschnell, kümmert sich um die Probleme der Mitarbeiter und hält das Schiff auf Kurs bis der Sturm sich wieder beruhigt.

Was ihn zusätzlich antreibt: er möchte auch nach Ende seiner Schaffenskraft das Unternehmen in gute Hände geben und - wenn es die familiäre Konstellation ermöglicht - in der eigenen Nachkommenschaft oder durch talentierte Geschäftsführer weiter prosperieren sehen.

 

Was sollten wir alle - und die Politik erst recht - aus „egoistischem Interesse“ für diese Unternehmer tun? Die Antwort ist einfach: alles ermöglichen, daß Kontinuität gewahrt bleibt, die Nachfolge gelingt, und einfach nur alles unterlassen, was dies konterkariert. Und natürlich sollten wir alle ganz schnell davon Abstand nehmen, bei einem Generationenübergang das Unternehmen mit Erbschaftsteuer so zu belasten, dass dies die finanzielle Tragkraft für die Fortführung gefährdet!

Warum können und sollten an dieser Stelle Politiker und wir alle „egoistisch“ sein? Ganz einfach: die Gehälter der Politiker und der Wohlstand von uns allen können ja nur dann von den Unternehmen erwirtschaftet werden, wenn - wie es so schön heisst und erstmal nicht sehr ´mitfühlend´ klingt - „die Kuh weiter Milch gibt und nicht geschlachtet wird“.

Wie Sie sehen: die Politik tut gar nicht dem Unternehmer was „Gutes“ wenn er von solchen Besteuerungen mal besser die Finger lässt, sondern im Endeffekt nur sich selbst.

Die Unternehmen sind die ersten und die letzten, die den in absurde Höhen steigenden Finanzbedarf des Staates decken können.

 

Dagegen steht - und dieses Menschenbild dominiert weitgehend „FDP-frei“ die derzeit vorherrschende Politik und Debatten in der Praxis - etwas gänzlich Anderes:

 

In diesem Zerrbild ist der Unternehmer ein reicher Kapitalist, dem wie in alten Klassenkampf-Zeiten das Geld abzutrotzen ist und vom fürsorglichen Staat umverteilt werden muss.

Bei der Erbschaftssteuer nimmt das Finanzamt dann eine weltfremde und fiktive „Bewertung“ des Unternehmens vor, die nicht den Cash-Flow und die Liquiditätssituation vorrangig betrachtet, sondern Vergangenheitsgewinne und Bilanzen, die gebundenes Kapital in Hallen und Produktionsmaschinen als „Vermögen“ betrachten. Da kann es sinnvoller sein, das Unternehmen gleich zu verkaufen, um so die Liquidität für die Steuern zu generieren.

 

Keine Pointe: so sieht die Realität aus. Fragen Sie Verbände, mittelständische Unternehmen, Selbständige, Unternehmerfamilien, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer und machen Sie den Verprobungscheck.

 

Hinter all dem steckt demnach ein falsches Menschenbild, sagen Sie. Das scheint einer Ihrer zentralen ´Glaubenssätze´ zu sein und zieht sich wie ein roter Faden durch Ihre Diagnosen und Therapievorschläge. Ist das der im Kern tiefe Grund, warum sie sich für die FDP engagieren?

 

Genau! Das Menschenbild der derzeitigen Politik ist paternalistisch: Der Staat weiß es besser, muss gängeln, subventionieren, lenken. Aber nein: Der Staat kann nicht wirtschaften – das können nur die Bürger, Unternehmer und Angestellten. Geben sie ihnen Freiräume, belassen sie die finanziellen Mittel bei ihnen, und sie schaffen Wohlstand. Und zwar immer und überall, nicht nur in Deutschland.

 

Wenn ich Sie richtig verstehe, wollen Sie daher allen Ernstes zumindest im Ahrtal als Sonderzone die Erbschaftsteuer für Unternehmen abschaffen?

 

(schmunzelt) Nein! Ich will gleichzeitig auch die Körperschaftsteuer für Unternehmen auf Null setzen! Und Beides mit verlässlicher Rechtssicherheit für alle Unternehmen, die hier sind und die noch kommen und das verlässlich für mindestens 10 Jahre festschreiben lassen.

 

Aber das bedeutet doch erstmal weniger Einnahmen für das Land und den Kreis Ahrweiler? Wie sollen denn dann die noch immer bei weitem nicht behobenen katastrophalen Schäden und die Stärkung der regionalen Wirtschaft durch die Folgen der Ahrflut-Katastrophe finanziert werden?

 

Schneller und effektiver. Und der finanzielle „Subventionsaufwand“, der für die Ahr von Bund und Ländern ja bereits fest zugesagt ist, wird sogar um mehrere Milliarden geringer! Und das trotz der in der Übergangszeit geringeren Einnahmen.

 

Also wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf: das klingt jetzt eher nach „Vodoo“! Sie erklären tatsächlich, daß durch Steuerausfälle in der Körperschaft- und Erbschaftsteuer für die Sonderwirtschaftszone am Ende das den Staat und die Steuerzahler „günstiger“ kommt und gleichzeitig im Ergebnis der Aufbau des Ahrgebietes schneller geht und eine starke Wirtschaftsregion entsteht?

 

Genau! Und dafür brauche ich noch nicht einmal einen Taschenrechner oder komplizierte Simulationsmodelle oder die Analyse zahlreicher Studien, die in Theorie und Praxis das bestätigen.

Sprechen wir doch mal Klartext und schauen uns die „Ergebnisse“ des bisherigen Verteilens von Hilfsgeldern in langsamer und bürokratischer Umsetzung konkret an: Allein für das Ahrtal sind aus nahezu 15 Milliarden anteilig zur Verfügung gestellten Mitteln nach mehr als 3 Jahren gerade erst einmal rund 3 Milliarden ausgezahlt worden. Da ist schon viel Großartiges geleistet und die Politiker aus der Region haben sich hier auch toll und engagiert eingesetzt, daß die Mittel auch fliessen konnten. Und trotzdem ist die Quote der angekommenen Hilfen natürlich nicht gerade ein Erfolgsausweis für ein „Weiter-so“. Denn wenn das in dem Tempo weitergeht…

 

Die gute Nachricht ist: für die Umsetzung des - wie ich es nenne „Ahr-Resilienz-Tal-Programms“ - braucht es nur die Hälfte der Mittel. Ergebnis: Bund und Land sparen die Hälfte der zur Verfügung gestellten Mittel ein und gleichzeitig wird der Zweck der Hilfen schnell und zielgerecht erreicht - genau so, wie es alle wollen!

Der einzige Unterschied: die bisherige Philosophie der Hilfen bestand darin, quasi als ´Almosen´ für die vermeintlich armen hilfsbedürftigen Flutopfer „Fische-zum-Essen-zu-verteilen“, während die Ahrbewohner eigentlich nur die Finanzierung von „Angelruten“ benötigen. Das würde ich als „Tipp“ im übrigen für ganz Rheinland-Pfalz und Deutschland empfehlen…

 

Wenn man Ihnen zuhört, stehen Ihre politischen Überzeugungen immer in einem sehr engen Verhältnis zu dem, was man als „Menschenbild“ bezeichnet. Das ist ja eher ungewöhnlich, weil in der Politik dominieren ja eher technokratische Massnahmen. Woher kommt das?

 

Das ist richtig. Deshalb scheitern ja auch alle Massnahmen! Weil alles, was derzeit in der Politik diskutiert und in Gesetze gegossen wird, ja einer fast ´esoterischen´ Vorstellung unterliegt!

 

(schmunzelt): Also nach „Vodoo“ jetzt nach Ihrer Auffassung auch noch Esoterik als Leitlinie der Politik und Massnahmen die am Menschsein vorbeigehen. Sie geben schon zu, dass…

 

Ja klar, ich weiß schon, worauf Sie hinauswollen… sicherlich provokative Töne, die zu Widerspruch anregen. Ich bleibe aber bei dieser zentralen Kritik. Oder wie es in Unternehmen, bei denen es nicht läuft, immer so schön heisst: „Der Kunde steht im Mittelpunkt - und damit im Wege“.

Genau so sehe ich es auch in der Politik, und zwar ziemlich egal, welche Partei die Regierung stellt, den Kanzler stellt, das Sagen hat. Die FDP als einzig maßgebliche Partei für die engagierte Verteidigung des liberalen Menschenbildes ist ja leider zumindest auf Bundesebene nicht mehr vertreten. Die politischen Gegner mögen sich dafür auch noch feiern, tatsächlich ist dieser Verlust dieses so wichtigen Korrektivs in der Parteienlandschaft doch gerade in den Zeiten wie jetzt fatal.

 

Es ist doch so: damit ein Land prosperiert braucht es Unternehmer. Und damit Persönlichkeiten, die Risiken eingehen. Auch Risiken des Verlustes der eigenen finanziellen Basis. Ohne die Bereitschaft von Menschen, diese Risiken einzugehen, entstehen keine Innovationen, entstehen keine Chancen, wachsen Unternehmen nicht, entstehen keine neuen Arbeitsplätze, werden keine neuen Märkte erschlossen.

 

Von Menschen mit diesem Persönlichkeitsprofil haben wir in Deutschland immer noch sehr viele - auch wenn man nicht die Augen davor verschliessen kann, dass immer mehr ins Ausland abwandern oder - noch schlimmer - zunehmend resignieren und ihr unternehmerisches Engagement verlieren.

 

Denn auf der einen Seite verlangen Politiker von ihren Unternehmern, sie mögen doch bitte das Land vorwärtsbringen, in Deutschland investieren und doch jetzt mal für das Gemeinwohl Wertschöpfung erzeugen, gleichzeitig aber die Rahmenbedingungen immer enger schnüren, so dass selbst hohe Risikobereitschaft von Unternehmern praktisch nicht zu Erfolg führen kann. Das kann man Politikern ja noch nicht einmal wirklich vorwerfen, denn wenn man nie unternehmerisch tätig war, wie soll man das jenseits von Floskeln wirklich durchdringend verstehen.

Mir geht es umgekehrt ja genau so: ich verstehe - wie es neudeutsch so schön heißt - ja auch nicht den Diskurs in den „Bubbles“ der Politik und stehe dann fassungslos und staunend vor so viel offensichtlicher Ignoranz des Offensichtlichen.

 

Darf ich Ihnen trotzdem abschließend eine reine parteipolitische Frage stellen, auch wenn mir im Interview klargeworden ist, daß Sie nicht in klassischen Parteikategorien denken und handeln? Wieso glauben Sie, dass angesichts der aktuellen Umfragen die FDP die Möglichkeit bekommt, in Regierungsverantwortung ein solches Programm umzusetzen, denn offensichtlich verfolgen die anderen Parteien ja ganz andere Ziele und Methoden und die absolute Mehrheit wird die FDP ja nicht erringen, sondern es bereits als Erfolg sehen, es über die 5%-Hürde zu schaffen um überhaupt noch im Landtag vertreten zu sein?

 

(schmunzelt) Weil es kein „Programm“ ist, sondern Aufforderung. Dass - egal wer in der Regierung jetzt und in Zukunft sitzt und wann Wahlen sind - die Strukturen sofort umgesetzt werden, um die Ahrregion sofort zum Resilienz-Tal zu machen.

Im Sanierungsbereich in Unternehmen wartet ja auch niemand bis zur nächsten turnusmäßigen Hauptversammlung. Die Wahlen sind ja erst im März 2026! Das sind ja noch 3 Monate, viel Zeit also, in denen schon Vieles aufgegleist und umgesetzt werden kann.

 

Ich will aber nicht ausweichen; ich weiß natürlich um den Hintergrund Ihrer Frage. Es ist in der Demokratie für einen FDP-Liberalen wie mich aber tatsächlich ganz einfach: die anderen Parteien und ihre Kandidaten stehen ja alle mit ihren Überzeugungen für das, wie sie die Ahrregion und das Land Rheinland-Pfalz nach vorne bringen wollen.

Wenn nun die Wähler mehrheitlich bei der Abstimmung zu dem Ergebnis kommen, das eine Fortsetzung der bisherigen Politik mit einigen Korrekturen doch noch gut passt, dann würde ich auch selber empfehlen, mir schon mal gar die FDP-Direktkandidaten-Stimme zu geben, sondern eher etablierten Kandidaten aus anderen Parteien, die nicht zu viele Veränderungen anstossen sondern die bisherige Politik im Wesentlichen mit kleinen Korrekturen fortsetzt.

Da wäre jeder Wähler mit seiner Stimme für mich nicht gut vertreten, weil ich eben das Gegenteil verkörpere von langwierigen und kleinteiligen Justierungen nach dem Motto, mal Massnahme hier, mal Massnahme dort, stets mit den rhetorischen Zusätzen, „Wir wollen“, „Wir beabsichtigen“, „Unser Ziel ist es“ und bitte nicht zu viel ändern, denn „Es geht uns ja noch vergleichsweise gut.“ Da ist die Wahlstimme woanders einfach besser aufgehoben.

 

Zum Abschluss: Was ist Ihre Vision für Rheinland-Pfalz in fünf Jahren? Wie könnte das Land und die Ahr-Region aussehen, wenn zumindest Teile Ihrer Vorstellungen umgesetzt würden? Und ein Tipp für die Wähler?

 

In fünf Jahren: Ein prosperierendes Bundesland Rheinland-Pfalz, wo die Ahr-Region Vorbild ist – mit boomender Wirtschaft, weniger Schulden und mehr Freiheit. Kein Sanierungsfall mehr, sondern ein Musterland. Mein Tipp für Wähler: Schauen Sie nicht auf Versprechungen, sondern auf Taten. Wenn Politiker Voodoo betreiben, wählen Sie Pragmatiker.

Und für Ihre Leser: Trinken Sie einen Ahr-Wein – und denken Sie dabei: Freiheit schmeckt am besten.

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